Kyrie eleison – Herr, erbarme dich!

von Gabriele Nakhosteen

Wochenlang hatte Anna den schweren Gang vor sich hergeschoben. Als gläubige Katholikin war sie gewohnt, regelmäßig zur Beichte zu gehen, obgleich ihr Sündenregister das nicht notwendig machte. Dieses Mal war es anders. Gewissensbisse quälten sie.
Mit klopfendem Herzen saß sie in der hintersten Kirchenbank, nestelte nervös an ihrem Taschentuch, bis sie schließlich all ihren Mut zusammennahm und den dunklen Beichtstuhl betrat. Das Holz knarzte, als sie niederkniete. Der Geruch von Politur schlug ihr entgegen, raubte ihr fast das bisschen Atem, das Aufregung und Angst ihr noch gelassen hatten. Durch das hölzerne Trenngitter sah sie die Umrisse ihres langjährigen Beichtvaters, Prior Baldur, der zum Zeichen seiner Amtswürde seine violette Stola umgelegt hatte und mit den Worten „In nomine Patris et Filii, et Spiritus Sancti“ das Zwiegespräch mit ihr begann.
„Amen“, erwiderte Anna leise, senkte die Lider und begann stockend über das zu sprechen, was ihre Seele bedrückte.
Als sie geendet hatte, blickte sie verschämt auf. Im Halbdunkel nahm sie wahr, dass Prior Baldurs Gesicht wie versteinert war. Er schwieg. Lange. Als er schließlich antwortete, war seine Stimme ungewohnt aufgebracht, fast zornig.
„Das ist keine lässliche Sünde“, sagte er und blickte sie kalt und durchdringend an. Seine Wangen und Lippen hatten sich in Abscheu zusammengezogen. Seine Mimik machte keinen Hehl aus seiner tiefen Missbilligung ihrer Verfehlung.
„Bereuen Sie?“, fragte er.
Anna zauderte.
„Gehen Sie eine Zeitlang fort“, war sein eindringlicher Rat, „und kehren Sie auf den Pfad der Tugend zurück. Erst dann kann ich Ihnen die Absolution erteilen.“

Das Benediktinerkloster Mathilde am Berge, unter der Leitung seines Priors Baldur, war religiöser Mittelpunkt von Marienburg, einem kleinen Ort an der Mulde. Dort im Diasporagebiet jenseits der Saale zeigte sich der Nachwuchsmangel in der katholischen Kirche besonders deutlich. Nur neun Ordensbrüder versahen die vielfältigen seelsorgerischen, sozialen und karitativen Aufgaben in weitem Umkreis. Ehrenamtliche Helfer wie die dreißigjährige, nun in seelische Bedrängnis geratene Anna waren mehr als willkommen gewesen.

Während der Woche hatte Anna als Gemeindeschwester gearbeitet, war mit dem Fahrrad bei Wind und Wetter unterwegs gewesen, um Kranke zu versorgen, ältere Menschen zu pflegen und überlastete Familien zu unterstützen. Ihre Sonntage dagegen hatten seit Jahren dem Kloster gehört. Zum einen war das Hochamt um elf Uhr am Ende einer anstrengenden Woche für Anna wie eine Oase der Entspannung und Erneuerung. Zum anderen hatte sie ihre ehrenamtliche Tätigkeit, von der Anordnung des Blumenschmucks im Gotteshaus, der Betreuung der zahlreichen Pilger bis hin zur Aushilfe im Klosterladen, mit hingebungsvollem Engagement versehen. Der Gedanke an eine eigene Familie war ihr selten in den Sinn gekommen, bis ein zarter Flirt in ihr Leidenschaft und Sehnsucht ausgelöst hatten.
Sich von diesen Sonntagen loszureißen, fortzugehen, wie Prior Baldur ihr ausdrücklich ans Herz gelegt, ja nahezu befohlen hatte, fiel ihr unendlich schwer, aber sie sah ein, dass sie sich über ihren weiteren Lebensweg klar werden musste. Und so verließ sie mit Tränen in den Augen den Ort, der ihrem Herzen so nahe war, ohne zu ahnen, dass ihr Leben nie mehr so sein würde wie zuvor.

Mathilde am Berge war ein modern gestalteter, zweigeschossiger Klosterbau aus hellem Elbsandstein. Zu ebener Erde dominierte der quadratische Kreuzgang, der für die Mönche ein Ort der Abgeschiedenheit und Kontemplation war. An seiner Nordseite befand sich die gusseiserne „Christus-Glocke“, unter der, während Annas Abwesenheit, ein trauriger Schicksalsschlag das Kloster ereilte.

„Oh, Jesse, Maria, Josef!“
Bruder Bernhard, der jüngste der Ordensbrüder streckte die Arme gen Himmel, genauer gesagt, gegen die Decke jenes Kreuzgangs. Es war nicht seine Aufgabe, die Glocke zum Morgengebet zu läuten, aber im Todesfall musste er handeln. Wenig später standen die herbei geeilten Mönche fassungslos und mit hängenden Köpfen um Bruder Florian, der tot vor ihnen lag, fast als sei er unter der Glocke, die er zu den Stundengebeten zu läuten hatte, friedlich eingeschlafen. Zur Komplet, dem Nachtgebet um neunzehn Uhr, war er noch lebendig und, wie es seinem Naturell entsprach, munter und fröhlich gewesen.
Prior Baldur ließ den Verstorbenen in die Klosterkirche tragen, in der sich die Benediktiner acht Mal täglich zum Gebet versammelten. Wie eine Opfergabe legten die Mönche den Leichnam auf die Stufen des Altares und begannen ihre Andacht, in der sie mit Fürbitten ihren toten Mitbruder in die Güte des Herrn empfahlen.
Bruder Florians besondere Leidenschaft hatte dem Klostergarten gegolten, der zum Teil als Nutzgarten, zum Teil als Heilgarten angelegt war. Jedes Kraut hatte sein eigenes, von einer Buchsbaumhecke eingefasstes Beet und, ob Erkältung, Entzündung oder Schlaflosigkeit, für fast jedes Zipperlein wuchs ein passendes Kraut. Pilgergruppen, die das Kloster besuchten, hatte Bruder Florian mit einem gewissen Stolz in dieses sein Reich geführt, um leuchtende Arnika und sortenreiche Minzen, den Duft von Goldbaldrian und Mondwinde, heilsame Schafgarbe, Ringelblume und Tausendgüldenkraut zu bewundern. Bereitwillig hatte er sein Wissen mit Mitbrüdern und Besuchern geteilt. Er war ein ausgesprochen geselliger, humorvoller Mann gewesen, dazu hochgewachsen, schlank und gut aussehend, so dass unter vorgehaltener Hand so manch weibliches Gemeindemitglied getuschelt hatte, dass es wegen des Zölibats schade um den attraktiven Mann wäre.

Anna war unterdessen weit entfernt, abgeschirmt von der Außenwelt, im bayerischen Frauenkloster St. Katharin. In der Stille der Exerzitien ließ sie ihr Leben Revue passieren. Ihre Sonntage würden nicht wieder dieselben sein. Sie fühlte sich unwohl, auch körperlich. Die strenge katholische Erziehung, die sie als Kind genossen hatte, machten ihr eine Entscheidung nicht leicht.
Das änderte sich, als sie aus dem Benediktinerkloster Mathilde am Berge einen Brief erhielt, in dem sie um Rückkehr gebeten wurde. Die seelische Bürde, die auf ihr lastete, ebbte ab, zumal der wahre Grund ihres Unwohlseins ihr langsam bewusst wurde. Ein letztes Mal schritt sie hinauf zum Marienlob, einem innerhalb der Klostermauern gelegenen Glaubensweg mit Bilderstöcken, die das Leben der Gottesmutter darstellten. Anna liebte den waldigen Pfad, wo leuchtend roter Fingerhut sie über eine Hecke grüßte. Sie lächelte. Wie hübsch diese Pflanze mit ihren heilenden Inhaltsstoffen ist, dachte sie, und wie tödlich, wenn sie überdosiert werden.

Bruder Florians plötzlicher Tod warf Fragen auf. Er war erst achtunddreißig Jahre gewesen und hatte als gesund gegolten. Die äußere Leichenschau am frühen Morgen zeigte kaum Auffälligkeiten, nur die Pupillen, so befand der Arzt, waren unnatürlich weit geöffnet. Herzstillstand aufgrund einer Vergiftung? Seine Vermutung wurde durch weitere Untersuchungen bestätigt. Sollte sich Bruder Florian aus Versehen vergiftet haben? Sicher, im Klostergarten wuchsen mit Eisenhut, Tollkirsche, Schierling und Rotem Fingerhut hochgiftige Pflanzen. Ein Irrtum war möglich, aber schwer vorstellbar und blieb dennoch die einzig schlüssige Erklärung.

Der erste Weg nach ihrer Rückkehr galt dem Kloster Mathilde am Berge. Annas Wangen glühten vor Erwartung. Von weitem hörte sie das Läuten einer einzelnen Glocke, nicht das der Kirchenglocken, sondern des Totenglöckchens. Wer wohl gestorben ist, dachte sie. Sie überquerte den Kirchhof, auf dem Gemeindemitglieder versammelt waren.
„Wer wird heute beerdigt?“
„Sie wissen es noch nicht? Bruder Florian ist tot.“
„Florian?“
„Hat sich vergiftet, sagt man.“
Anna fühlte, wie ein Dolchstoß durch ihr Inneres fuhr. Sie eilte in die Kirche. Dunkel war es und totenstill. Vor dem Altar stand ein offener, schlichter Buchensarg. Anna trat näher. Ungläubig starrte sie auf das totenbleiche Antlitz ihres geliebten Florians. Dann verlor sie das Bewusstsein.

Gemeindemitglieder und Mönche hatten sich in der Kirche zur Trauerfeier eingefunden. Anna war zur Besinnung gekommen. Sie kniete in der ersten Reihe, aber gewahrte nur schwach, wie durch eine Nebelbank, was um sie herum geschah. Die Gläubigen erhoben sich, als Prior Baldur vor den Altar trat, um mit dem Requiem zu beginnen. Als er sich den Anwesenden zuwandte und den Introitus sprach: „Herr, gib deinem Diener Florian die ewige Ruhe, und das ewige Licht leuchte ihm“, blickte Anna in die kalten, mitleidlosen Augen des Geistlichen. Er dagegen vermied bewusst, sie anzuschauen.
In diesem Moment ahnte Anna instinktiv, was mit Florian passiert war. Ohne lange zu überlegen, entnahm sie ihrer Handtasche den Brief, den er ihr am Tage seines Todes geschrieben hatte, trat vor die Gemeinde und las laut: Meine liebste Anna, heute Abend werde ich Prior Baldur mitteilen, dass ich das Kloster verlasse. Meine Liebe zu dir ist stärker als alles, was uns trennt.
Dann blickte sie stumm zu ihrem einstigen Beichtvater. Ihre Augen spiegelten eine unendliche Traurigkeit wider, während ihre rechte Hand schützend und hoffnungsvoll ihren Leib umfasste, in dem neues Leben keimte.

 

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