Am Ende unseres Lebens würden wir noch immer an Nordkorea denken und dabei schmunzeln

Am Ende unseres Lebens würden wir noch immer an Nordkorea denken und dabei schmunzeln

von Kat Golden

Warte, warte, warte. Stopp! Ich muss dich unterbrechen. Ich weiß schon, worauf das hinausläuft. Du brauchst gar nicht erst anzufangen. Womit? Ach, komm schon. Du bist extra in die Küche und hast dich durch die Macarena-tanzenden Juristen gekämpft, diesen nordkoreanischen Wein aus dem Kühlschrank geholt, um mir nachzuschenken. Und das ist sicher nett gemeint, wo mein Glas gerade leer und meine Freundin nach draußen verschwunden ist.
Und ich meine es ebenso nett, wenn ich sage: Du kannst dir das alles sparen. Ja, ich weiß, wir kennen uns nicht, und du hast noch nichts gesagt, aber das musst du auch nicht. Denn ich habe dich vorhin beim Reinkommen gesehen, als du den Raum betreten hast. Du hast die Lage sondiert, und dein Blick ist schließlich an mir und meiner Freundin hängengeblieben. An ihr allerdings länger.
Jetzt lachst du. Aber hab ich nicht recht?
Und kurz darauf bist du meiner Freundin und mir in den Garten gefolgt. Hier sind über fünfzig Leute, die sich fast alle im Wohnzimmer festgesetzt haben, und du gehst genau zur gleichen Zeit wie wir in den Garten? Nachdem du sie so angeschaut hast?

Wir sind also im Nieselregen gestanden, draußen am Buffet. Und meine Freundin hat sich noch Obstsalat und Punschkrapfen auf ihren Teller geladen, und dabei hast du den Ring mit dem Stein an ihrem Ringfinger gesehen. Ich stand auf der anderen Seite des Buffettisches, ich konnte beobachten, wie du ihren Finger begutachtet hast und dann ihr Gesicht dazu geprüft, so ausführlich, da hätte man einen abendfüllenden Film darüber drehen können, wie du deine Schlüsse über ihren Beziehungsstatus ziehst. Dann hast du dir auch einen Teller genommen und ein paar Käsekrainer draufgeschleudert.
Berner Würstel. Was weiß ich. Du hast sie auf jeden Fall ziemlich unsanft daraufgelegt.

Und dann treffe ich dich hier drinnen wieder, und du holst gleich den Wein. Und schön, meine Freundin und ich hatten tatsächlich nichts mehr zu trinken – also danke dafür. Aber jetzt, wo sie auf die Terrasse verschwunden ist, stehst du noch immer hier.

Obwohl du sie vorhin viel länger angeschaut hast, während dein Blick über mich nur kurz hinweggeglitten ist. Und falls du jetzt denkst: „Aha, daher weht der Wind.“
Nein, nein. Normalerweise ist die Aufmerksamkeit zwischen uns beiden recht gleich verteilt. Die einen stehen eher auf den kleinen blonden Typ, die anderen auf den großen Exotischen.
Die Sache ist die: Du denkst jetzt, du und ich, wir unterhalten uns ja auch ganz nett. Du denkst, wir trinken und reden einfach noch ein bisschen weiter.
Aber weißt du, dieser absurde Wein – das ist eben kein Zweigelt, den man nebenbei hinunterkippt. Ich habe vorhin schon daran genippt und kann dir sagen, das ist wie früher bei Familienfeiern heimlich Zuckerschnaps Trinken.
Und dann die Gesprächsanlässe, die der Wein Fremden wie uns bietet. Wer hat bitteschön diesen nordkoreanischen Fusel mitgebracht? Wird der von politischen Häftlingen an den traurigsten Weinhängen der Welt angebaut? Unterliegt der nicht irgendwelchen Sanktionen? Ob der giftig ist?
Bis wir diese Themen eruiert haben, ist die Flasche leer, und dann können wir uns sowieso über alles unterhalten.

Und dann steigen wir um auf Brombeerschnaps um oder Tequila Shots. Und vielleicht bleibt meine Freundin ganz weg, weil es da draußen aufhört zu nieseln, und dann dreht jemand den Macarena lauter, und du zeigst mir den Tanz, was aber nur ein Vorwand für ersten Körperkontakt ist. Noch dreimal Brombeerschnaps, und dann machen wir in der Besenkammer rum.
Ein bisschen später würdest du ironisch grinsen: „Zu mir oder zu dir?“
Und ich bin der Typ, der sagen würde: Zu dir. Da muss ich mir im Notfall keine Gedanken machen, wie ich dich wieder loswerde. Aber wahrscheinlich gäbe es keinen Notfall. Wahrscheinlich wäre es gar nicht so schlecht.

Na siehst du. Soweit hast du auch gedacht. Ob du es zugibst oder nicht, so seid ihr Männer, das hat auch nichts mit Sexismus zu tun. Jedenfalls hat sich damit dein Daseinszweck erfüllt, aber die Sache endet nicht hier. Es besteht das Risiko, dass wir uns gut verstehen. Du wirst merken, wie nett das ist, wenn ich über deine Witze lache, dir zuhöre und nicke, dabei geradeso deinen äußerlichen Vorstellungen entspreche – obwohl ich weder klein noch blond bin – und jetzt sowieso schon in deinem Bett liege.
Und während ich ein paar Stunden später meinen BH und meine Schuhe suche, wirst du dich fragen, warum du den Spaß nicht noch einmal haben kannst. Genau den gleichen Spaß. Dann müsstest du dich nicht auf die nächste Party schleifen, wieder auf der Lauer liegen und hoffen, dass sich was ergibt, was ja in 99 Prozent der Fälle sowieso nicht passiert. Gut, meinetwegen 95.
Und so käme es, dass du bei einem der nächsten Male hinterher noch Spaghetti kochen würdest für uns beide, oder sogar am nächsten Morgen so richtig Jäger-und-Sammler-mäßig einen Bäcker, der sonntags geöffnet hat, finden würdest, während ich noch schlafe. Und dann würden wir ins Kino gehen und uns bei Tageslicht verabreden und weißt du, was dann passieren würde?

Über kurz oder lang würde einer von uns das L-Wort denken. Man fühlt es ja nicht wirklich, sondern man entscheidet irgendwann, dass das eigene Verhalten darauf hindeutet, dass man es jetzt fühlen müsste. Und wenn man es ein paar Wochen oder Monate gefühlsmäßig gedacht hat, dann baut sich dieser Druck auf, und irgendwann spricht man es aus und der andere antwortet, und Dopamin wird freigesetzt, und man hat dann noch ein paarmal den besten Sex seines Lebens.
Dann kommt das ganze Programm: Easyjet-Wochenenden in Europa, Samstage bei Ikea, Wechsel vom Ich- in den Wir-Erzählermodus, Weihnachten bei deinen und meinen Eltern, gemeinsames Konto, ich würde die Pille absetzen, du würdest meinen Babybauch auf Facebook posten, zumindest beim ersten Kind.

Sind deine Eltern geschieden? Meine auch nicht. Das ist statistisch ein guter Indikator dafür, dass wir ebenfalls bis ans Lebensende zusammenbleiben würden. Die ganzen Eventualitäten, ob du in zwanzig Jahren eine attraktive Assistentin im Team haben oder heimlich weiter auf meine Freundin stehen würdest, ob ich meine Jugendliebe unerwartet wiederträfe, können wir ja mal überspringen. Da kann man ja doch nur in Klischees denken und am Ende kommt es anders.
Aber jedenfalls: Unsere Kinder würden auch Kinder kriegen und die würden uns dann eines Tages fragen, wie das denn alles begonnen hat. Und was würden wir sagen?
Dass wir zusammen diesen Sanktions-Wein getrunken haben und dann in der Besenkammer waren? Ja, ich weiß, das wäre sicher ganz amüsant. Aber es ist nur eine mögliche Geschichte unter vielen, und es gibt eindeutig bessere.

Würdest du nämlich stattdessen mit meiner Freundin Enkel haben, könntet ihr die Verwechslungskomödie von ihrem Ring erzählen. Wie sie einen Tag vor eurem ersten Treffen von ihrer Pakistanreise zurückgekommen war, wo sie den Ring getragen hatte, um lästigen Männern gegenüber behaupten zu können, sie sei verheiratet. Und wie du das fast auch geglaubt hättest, im Nieselregen am Buffet, wäre ich nicht gekommen und hätte dir gesagt, dass der Ring nur der Überrest eines Täuschungsmanövers ist, das nie für dich bestimmt war. Und alle würden aufatmen, Oma den Ring rauszaubern und die Enkel staunen: „Fast wären wir wegen diesem Ding nicht auf die Welt gekommen.“
Du und ich hingegen könnten nur über die Besenkammer und Nordkorea reden. Klar, wir würden die Anekdote aufbauschen, ausschmücken. Aber ehrlich, zu einem Drama taugt der Stoff nicht.
Wir haben beide nur ein Leben, da sollte man sich gut überlegen, was man am Ende erzählen will. Ich denke, die Nacht ist noch jung genug, um es besser zu machen.

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