Vom Krebsen und Bewerbungen

Vom Krebsen und Bewerbungen

von Nadja Schneidereit

Es ist schwierig, ein Teenager zu sein. Und noch schwieriger ist es, ein Erwachsener zu werden. Wie schwierig genau, begriff ich erst, als ich schon mitten drin steckte. Jetzt bin ich bereits achtzehn Jahre alt und kann immer noch nicht behaupten, das Erwachsenwerden verstanden zu haben. Mittlerweile glaube ich, es gibt niemanden auf der Welt, der wahrlich behaupten könnte, das Leben verstehen zu können.
Ein sehr beruhigender Gedanke, wie ich fand. Trotzdem spürte ich, wie brennende Tränen sich in meine Augen drängten, wenn ich über das Erwachsenwerden nachdachte. Niemand bereitet dich darauf vor, wie es wirklich sein wird (auch wenn es jeder versucht), und mit einem Mal verlangt die Gesellschaft von dir, mit beiden Beinen im Leben zu stehen und alles zu begreifen. Liebe Erwachsenen (oder die, die sich dafür halten), das funktioniert nicht!

„Du musst dich jetzt entscheiden, denn in ein paar Jahren kannst du das nicht mehr einfach so machen. Und außerdem laufen bald die Bewerbungsfristen ab, dann hast du gar nichts“, hörte ich die Stimme meines Vaters zu mir durchdringen.
Er klang wütend, seine Stimme war lauter als normal. Ich spürte, wie sich Tränen in meinen Augen sammelten. Meine Eltern wussten wahrscheinlich gar nicht, welchen Druck sie mit ihren Aussagen auf mich ausübten.
„Als ich in deinem Alter war, habe ich schon seit mehreren Jahren gearbeitet.“
Meine Mutter warf mir einen durchdringenden Blick zu, als wolle sie mich beschwören, mich endlich festzulegen.
„Wir haben aber 2016! Die Zeiten haben sich geändert. Es ist nicht notwendig, dass ich mich jetzt für den Rest meines Lebens entscheide“, zischte ich durch meine zusammengebissenen Zähne und strich mir eine lockige Haarsträhne hinters Ohr.
Es erschien mir unmöglich, sie von ihrer starrsinnigen Meinung abzubringen.
„Doch das ist notwendig. Was willst du denn machen, wenn du keinen Ausbildungsplatz bekommst?“
„Vielleicht erstmal einige Zeit ins Ausland gehen.“
Meine Antwort klang mehr wie eine Frage, ohne dass ich das beabsichtigt hatte.
„Aber dafür müsstest du dich jetzt auch bewerben.“
„Ja, aber nicht heute!“

Meine Stimme war laut und ungeduldig geworden. Ich drehte mich auf dem Absatz um und ging in Richtung meines Zimmers. Hinter mir hörte ich das verzweifelte Seufzen meines Vaters und, noch bevor ich meine Zimmertür erreicht hatte, rannen heiße Tränen über meine Wangen. Mit dem Fuß schob ich die Tür hinter mir zu und ließ mich auf mein Bett fallen.
Auf meinem Schreibtisch, der direkt neben meinem Bett stand, lag immer noch unangerührt das Abitur-Abschlusszeugnis. Ich hatte es vor einigen Tagen überreicht bekommen, und seitdem lasteten die Verpflichtungen, die damit einhergingen, wie Steine auf meinem Herzen und bescherten mir schlaflose Nächte.

Während der gesamten Schulzeit denkt man nur darüber nach, wie man das Abitur besteht. Und sobald man es dann in den Händen hält, steht man vor dem Nichts. Jeder Glückwunsch und jeder gut gemeinte „Dir-stehen-alle-Möglichkeiten-offen“-Rat drängte mich noch näher an den Abgrund.
Ich hatte Angst. Nackte Angst.

Nie hatte jemand erwähnt, es würde sich so anfühlen, wenn man die Schule beendet hatte und mit leeren Händen vor der ach-so-tollen Welt der Erwachsenen stand.
Plötzlich sollte ich mir Gedanken um Versicherungen, Rentenabsicherung und Steuern machen, und irgendwie schien jeder zu erwarten, dass ich das alles wissen müsste.
Aber woher denn?!
Mir wurde schneller klar, als mir lieb war, dass die Schule einen nicht auf das Leben vorbereitet. Das sagen zwar immer alle, aber es ist irreführend. Die Schule zeigt dir nicht die wichtigen Dinge, wie eine Steuererklärung schreiben, welche Versicherungen nützlich sind und wie man einen Haushalt führt.

Achtzehn Lebensjahre verbringt man damit, zu lernen, wie man winzige Krebse züchtet, bis man dann die geschützten Gemäuer der Schule mit einem Blatt Papier verlässt und mit einem derben Tritt in das Haifischbecken der Gesellschaft gestoßen wird.
So fühlt es sich an, erwachsen zu werden.
In den nächsten Tagen begann ich tatsächlich damit, Bewerbungen zu schreiben. Besser gesagt, ich musste Bewerbungen schreiben, denn die Frist rückte immer näher. Die Ausbildung zur Erzieherin ermöglichte mir erst einmal, weiterhin zur Schule zu gehen. Sie verschaffte mir Zeit, und das war das, was ich wirklich brauchte.
Keiner dieser Tage verging ohne verzweifelte Tränen. Die Angst hatte mich fest im Griff. Die Angst vor dem Ungewissen der Zukunft und die Angst, meine Eltern zu enttäuschen und mich zu blamieren, hielten mich in ihren hässlichen Klauen, bis ich die Bewerbungen zögerlich in den Briefkasten warf.

Die Anspannung fiel von mir ab, und ich weinte. Es fühlte sich falsch an. Als ob ich meine Zukunft besiegelt hätte. Doch irgendwas musste ich ja machen. Eine Lücke im Lebenslauf war schlimm. Zumindest wenn man den Worten meiner Eltern glaubte.
Ich schrieb nur zwei Bewerbungen.
Das Schicksal sollte für mich entscheiden, welchen Weg ich einschlagen würde. Und wenn ich von keiner Schule angenommen werden würde, wäre es auch nicht der richtige Weg.

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