Und so weiter

Und so weiter

von Sophia Beyer

„Hast du eigentlich schon einen Tanzpartner?“, fragt mich Marie auf dem Pausenhof während sie sich zwei kleine Schokoladenkugeln in den Mund schiebt. Neidisch schaue ich, wie die Schokolade nach Hilfe schreiend in ihrem Mund verschwindet und sie genüsslich kaut.
„Nee, noch nich“, sage ich enttäuscht und schiebe ein „Und du?“ hinterher, in der Hoffnung, dass sie auch von noch niemanden gefragt wurde.
Über beide Ohren grinsend gibt sie mir ihre Antwort zu verstehen.
„Tim aus der 10b hat mich gefragt. Du weißt schon, der Große, der so viele Verehrerinnen hat“, stolz schaut sie mich an und ihr Gesicht strahlt noch heller, wobei ich gar nicht dachte, dass das noch möglich ist.

Super. Jetzt bin ich also die letzte aus unserer Klasse ohne Tanzpartner für den Abschlussball. Am Ende stehe ich alleine da und muss mit so einem ekligen Typen tanzen. Mein Blick fällt automatisch auf Tim der auf der Bank gegenüber von uns sitzt. Der wird auch übrigbleiben. Vielleicht wäscht er sich dann endlich mal die Haare, also ich meine für den Ball, damit es für mich nicht ganz so peinlich wird.
Aber ich sollte nicht so hohe Erwartungen haben. Mir würde es schon reichen, wenn er endlich mal ein anderes T-Shirt anziehen würde. Das dunkelblaue mit dem Spruch ‘In einer Beziehung’, dass er schon seit vier aufeinanderfolgenden Tagen trägt, riecht mittlerweile nicht mehr ganz so frisch. Vielleicht hat er ja Angst, dass ihm sofort alle Weiber hinterherrennen, wenn er es mal nicht trägt. Naja, dann kann ich ihm wenigstens beruhigen, dass das nicht passieren wird. Ich könnte auch einfach daheim bleiben. Dann kann ich mich nicht blamieren. Marie, die meine Gedanken wohl erraten zu haben scheint, haut mir den Ellbogen in die Hüfte, sodass ich ungewollt zusammenzucke.

„Nein, kommt gar nicht in Frage! Du kommst mit zum Ball. Du hast genau einen Abschlussball, den darfst du dir wirklich nicht entgehen lassen“, wehrt sie meine Idee ab.
„Am Ende muss ich noch mit dem da tanzen“, sage ich zu ihr und nicke in die Richtung von Tim, der sich immer wieder durch die Haare fährt und mit Macho-Lächeln die Mädchen anschaut. Ist das Gel in seinen Haaren oder sind sie schon so fettig, dass keins mehr nötig ist? Theatralisch schüttele ich mich.
„Es gibt doch auch noch andere Typen. Das Beste kommt doch schließlich zum Schluss“, versucht sie mich mit einem Sprichwort aufzumuntern.
„Klar. Jeder Topf findet seinen Deckel“, meine ich ironisch und grinse sie an. Augenrollend zieht sie mich von der Bank weg, dass ich auf andere Gedanken kommen kann.
„Aber weißt du was? Ich glaube, ich bin eine Pfanne. So ne kleine. Für mich gibt es einfach keinen Deckel. Oder meiner wurde überfahren oder sowas“, lachend hole ich zu ihr auf, und wir gehen zu ein paar anderen Mädchen aus unserer Klasse, die alle Englisch-Bücher in der Hand halten.

Wir haben heute Englisch? Mist. Ich habe gar nichts gelernt. Kaum angekommen reiße ich Lisa das Buch aus der Hand, doch der Pausengong unterbricht mein Vorhaben. Lisa nimmt mir das Buch wieder weg, und ich schlage das Buch von Marie zu, die für sich ebenfalls eins ergattert hat.
„Das bringt jetzt eh nichts mehr“, sage ich genervt und halte es zu, während sie es wieder aufzuschlagen versucht.
„Lass mich“, motzt sie mich an und spricht weiter: „Ein wenig Zeit haben wir noch. Du solltest auch ein bisschen mehr lernen. Bist du nicht gefährdet? Ich meine, schlechter Test – schlechte Note – Ärger von den Eltern – schlechter Abschluss – schlechte Bewerbung – schlechter Job  und so weiter“
„Toll, du beruhigst mich wirklich“, antworte ich und laufe mit zusammengebissenen Zähnen an ihr vorbei in das Klassenzimmer. Ich mache mich dazu bereit, die schlechteste Arbeit meines Lebens zu schreiben. Mal abgesehen vom Abschluss, wenn ich den überhaupt schaffe.
In einem halben Jahr beginnen die Abschlussprüfungen, und ich habe immer noch nicht angefangen zu lernen. Vielleicht sollte ich das mal, um meine Angst ein wenig zu minimieren. Aber danach folgen weitere Prüfungen, Bewerbungen, wichtige Gespräche.

Bei dem Gedanken läuft es mir jetzt schon kalt den Rücken runter, und ich merke gar nicht, wie die Tische bereits auseinandergeschoben werden.
„Viel Glück“, raunt mir Marie noch zu, und ein weißes Blatt mit Fragen landet auf meinen Tisch.

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