(Nicht) Allein

(Nicht) Allein

von Katharina Weiss

Ich starre auf deine weiß-rosa-gestreiften Socken in den silberfarbenen, von glänzenden Schuppen überzogenen Sneakers, deren beige Schnürsenkel du vor zwei Stunden zu einer ordentlichen Schleife zusammengebunden hast und dabei meintest: „Du schnürst die Schuhe anders als ich.“ Erstaunt habe ich zu dir hochgeblickt und gelacht.
Wie kann man denn Schuhe auf verschiedene Weise binden? Du hast es mir erklärt, und ich habe es nicht verstanden. Genauso wenig, wie ich meine Gefühle verstehe, oder was in den letzten drei Tagen geschehen ist.

Als du mich angeschrieben hast, damals, vor drei Monaten, habe ich mich so gefreut. Keine 24 Stunden war es her gewesen, dass ich mich auf Lesarion angemeldet hatte, und schon hatte ich eine erste Nachricht bekommen. Ich würde dich gerne kennenlernen, hast du geschrieben, und kennengelernt haben wir uns.
Vielleicht zu schnell. Vielleicht hätten wir uns mehr Zeit lassen sollen. Du weißt inzwischen mehr über mich als manch langjährige Freundin. Ich konnte mit dir so ehrlich sein wie mit niemandem zuvor. Liegt es daran, dass wir beide wissen, wie es sich anfühlt, nicht offen über sich selbst sprechen zu können, sich zu verbiegen und zu verstellen, so lange zu lügen, bis alles auffliegt?
Du hast heute Abend nicht gelogen, obwohl ich dich darum gebeten hatte. Du hast deiner Mutter und deinen Freunden von mir, von uns, erzählt. Für dich ist das alles inzwischen normal. Alltag. Du hast keine Angst davor zu zeigen, wer du bist. Und wen du liebst.
Du hast gesagt, dass in Frankfurt viele so sind wie wir. Dort gibt es Bars und Clubs, wo wir unter uns sein können. So wie in München, wo wir uns vor drei Tagen zum ersten Mal getroffen haben. Du hast erzählt, dass du schon mit so mancher etwas am Laufen hattest. Kerstin heißt deine Neue.
„Aber es ist mehr so eine offene Sache. Keine Verpflichtungen. Deshalb habe ich auch kein schlechtes Gewissen, dich angeschrieben zu haben. Im Gegenteil“, hast du gesagt und mir dabei tief in die Augen geschaut.
Mein Herz hat für einen kurzen Augenblick aufgehört zu schlagen. So wie vor einigen Wochen, als ich das erste Mal deine Stimme gehört habe. Ich fand sie so unglaublich schön und fühlte mich so unendlich glücklich. Glück – wann hatte ich das zum letzten Mal empfunden? Es muss Jahre her sein. Bestimmt vor dem Vorfall mit Jessica.

Jessica. Wie es ihr wohl heute geht?
Mit gebrochener Stimme habe ich dir von ihr erzählt, als wir im Englischen Garten mit geschlossenen Augen auf unseren viel zu kleinen Jacken nebeneinanderlagen, nachdem wir den Himmel nach Wolkenbildern abgesucht hatten.
Jessica, die nie ein Geheimnis aus ihrer Sexualität gemacht hatte. Jessica, die jetzt in der Psychiatrie ist, weil sie versucht hat, sich das Leben zu nehmen.
Ich war dabei, als meine Clique sie auf dem Mädchenklo fertiggemacht hat. Als Gabi mit dem Unterarm gegen Jessicas Kehle gedrückt hat, so dass ihr Kopf fest gegen die kalten, glatten Fliesen gedrückt wurde, während Lisa unter Jessicas Shirt gefasst hat, um ihre Brüste so fest zusammenzudrücken, dass Jessica vor Schmerz aufschrie.
Ich war dabei, als Anne Jessica in die Hose gefahren ist und ihr mit kalter Stimme ins Ohr gezischt hat: „Das gefällt der Lesbe doch, nicht wahr?“ Und ich war dabei, als die Jungs Jessica nach der Schule abgepasst haben, um auf sie einzuschlagen und in ihr blutüberströmtes Gesicht geschrien haben, dass sie eine Missgeburt sei. Eine Missgeburt, die sich umbringen solle.
Die Lehrer sahen nichts. Lehrer sehen nie etwas, wenn es darauf ankommt. Und ich, ich stand da und konnte mich nicht rühren. Obwohl ich doch in sie verliebt gewesen bin.
Stattdessen ertrank ich meine Schuldgefühle und meine Traurigkeit im Alkohol, warf mich jedem Jungen an den Hals, um allen zu beweisen, wie hetero ich doch sei. Die Fotos wurden auf Facebook geteilt, geliked und gelobt. Ich habe getwittert, wie verliebt ich sei in Thorsten, Jonas oder Bastian. Doch mehr als bedeutungslose Küsse habe ich nie zugelassen. Ein bisschen Selbstachtung schlummerte trotz allem noch in mir.

Aber vor allem war es die Angst, die sich immer mehr Platz in meinem Inneren verschafft hat. Ich wollte vergessen, wer ich bin. Zu groß war die Furcht, dass mir dasselbe geschehen würde wie Jessica.
Zu groß die Furcht, dass mein Bruder von der Homosexualität seiner Schwester erfahren würde. Mein Bruder, für den jeder, den er nicht ausstehen kann, ein „Schwuchtel“ ist. Ganz zu schweigen von meinem Vater, der, während er auf seinem Steak herumkaut, lauthals am Mittagstisch verkündet, wie schade es doch sei, dass die Nazis die Homos damals nicht ausgerottet haben.
Und dann hat Jessica versucht, sich das Leben zu nehmen. Mit Schlaftabletten. Und es fast geschafft. In allerletzter Minute hat ihre Mutter sie im Badezimmer gefunden. Und in mir tobte von jenem Tag an der Selbsthass. Immer und immer wieder habe ich zum Messer gegriffen, als meine Eltern und mein Bruder auf den Feldern arbeiteten.

Du hast mir eine Träne aus dem Augenwinkel gestrichen und bist sanft mit deinen Fingern über die Narben an meinem Unterarm entlanggefahren. Du hast sie geküsst. Jede einzelne. Und dann ist dein Mund auf meinem gelandet. Ganz sachte und doch so stark und voller Leidenschaft. Und jetzt sitzen wir uns in diesem heißen Zugabteil gegenüber und wissen nicht mehr weiter. Ich werde bald aussteigen und den Zug Richtung Osten nehmen, zu unserem kleinen Dorf, unserem Bauernhof, von dem ich nicht abhauen kann.
„Zieh doch nach dem Abi nach Köln. Köln! Das ist DIE Hochburg der Schwulen und Lesben. Wir könnten zusammenziehen und die Stadt erobern“, hast du gemeint.
Ich habe dich traurig angesehen und dich daran erinnert, dass ich seit dem Unfall meines Vaters auf dem Hof nicht zu entbehren bin. Dass ich mit anpacken muss, jetzt da einer von uns im Rollstuhl sitzt. Es ist ein Wunder, dass sie mir erlaubt haben, für drei Tage nach München zu fahren. Sie glauben, ich besuche meine Kindergartenfreundin, die vor Jahren dorthin gezogen ist. Hätten sie gewusst, hätten sie auch nur geahnt, dass ich mich mit einer Fremden treffen wollte, die ich auf einem Dating-Portal für Lesben kennengelernt hatte, hätte ich bis zu meinem 18. Geburtstag Hausarrest bekommen.

Die kilometerlangen Tunnels haben wir inzwischen hinter uns gelassen und die ersten Häuser und Weinreben tauchen vor dem Fenster auf, dessen Glas uns nicht vor dem ratternden Rollen der Räder auf den Gleisen schützt. Vielleicht ist der Lärm gut. Er hindert mich daran, klare Gedanken zu fassen. Es erscheint mir alles verschwommen. Diese drei magischen Tage mit dir, nie werde ich sie vergessen. Jeder einzelne Kuss, jede deiner Berührungen ist für immer in meinem Gedächtnis abgespeichert. Wir wissen doch schließlich beide, dass wir gut zusammenpassen würden.
„Es liegt an dir“, hast du gesagt, „ich kann die Sache mit Kerstin mit nur einer SMS beenden.“
Lange habe ich in deine dunkelblauen Augen geschaut und geseufzt. Es geht nicht. Selbst wenn ich meiner Familie von dir erzählen könnte, uns trennen mehr als 500 verdammte Kilometer.

Der Zugführer drosselt jetzt das Tempo. Langsam ziehe ich die Jacke an, auf der grüne Grasflecken Zeugen unseres Liebesspiels sind. Du greifst nach meinem linken Arm und ziehst den Ärmel zurück. Langsam fährst du mit dem Daumen über den schwarzen Semikolon, den du mir heute Morgen mit Henna-Farbe über meine Narben gemalt hast.
„Du bist nicht allein, hörst du, Marie? Es wird leichter werden mit der Zeit. Sei mutig. Und lebe“, sagst du, ziehst mich an dich und drückst mir einen feuchten Kuss auf die Stirn.
Leben, Lara? Wie soll ich leben, wenn man mir verbietet zu sein, wer ich bin? Wie soll ich mutig sein, wenn die Bilder und Worte der Vergangenheit mich nicht loslassen wollen?
„Lara“, flüstere ich dir ins Ohr und drücke dich ganz fest an mich.
„Marie“, flüsterst du zurück.
Und dann hält der Zug mit einem Ruck an. Ich löse mich aus deiner Umarmung, greife nach meiner Tragetasche und steige die Stufen zum Bahnsteig hinunter. Du hauchst einen Kuss an das Fenster, als der Zug wieder anfährt.
Ich schaffe es nicht mal, zum Abschied die Hand zu heben. Ich schaue dir nach, bis die Wagons nur mehr kleine Punkte am Horizont sind. Dann wende ich mich Richtung Anzeigetafel. Und während ich die dunkle Unterführung zu meinem Anschlusszug durchquere, denke ich daran, dass nach diesem Wochenende mit dir wieder alles so sein wird wie davor und doch irgendwie anders. Denn tief in mir brennt ein kleines Feuer, ein Funke, den du entfacht hast, Lara, und dafür bin ich dir unsagbar dankbar.

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