Frühlingswald

von Gerhard Goldmann

Die kleine Höhle, kaum mehr als ein Felsvorsprung, war höchstens dreihundert Meter von den Häusern entfernt, lag aber so versteckt, dass unsere Familie sie schon in den Türkenkriegen als Zuflucht genutzt hatte. Kein Fremder hatte sie je gefunden, und so hoffte ich auch diesmal, wir seien in Sicherheit. Die Bäume ringsum, manche bis zu dreißig Meter hoch, schirmten die Hitze ab und verliehen mit ihrem Frühlingslaub den Sonnenstrahlen einen sanften Schimmer von Grün. Zwischen ihnen hing das gedämpfte Schweigen des Waldes, nur ab und zu unterbrochen vom Rascheln einer Maus oder dem Hämmern eines Spechtes.
Doch von draußen, vom Dorf her, drangen andere Geräusche zu uns herüber, die durchaus geeignet waren, meine Fassungslosigkeit noch zu steigern. Heulende Motoren, Schüsse, panische Schreie und eine Detonation. Besorgt sah ich auf das Baby neben mir, das friedlich schlummerte und sich keinerlei Gedanken über das Böse in dieser Welt zu machen schien.
Wenn sie es fänden, würden sie es umbringen. Erschlagen, wie man eine Fliege auf dem Fensterbrett zerquetscht. Genauso, wie sie es mit seiner Mutter gemacht hatten. Sie, das waren die Horden von General Mladić, Abschaum aus den Vorstädten von Belgrad und Novy Sad. Tagelöhner und Tagediebe, denen man mit einer Uniform Macht über Leben und Tod verliehen hatte. Die mit Hass gefüttert worden waren und diesen Hass nun mit Pistolen und Kalaschnikows in die Welt hinauskotzten.

Weil es ein Mädchen war, würden sie es vermutlich vergewaltigen, ehe sie es aufschlitzten oder mit dem Kopf gegen einen Baum schleuderten. Genau, wie sie es mit seiner Mutter gemacht hatten. Einer, zwei, alle. Die bloße Vorstellung verursachte mir Übelkeit und presste mir den Schweiß in winzigen Tropfen aus den Poren.
Aber diese Vorstellung war es auch, die mir wieder eine Aufgabe zuwies, nachdem mein vorheriges Leben abrupt zu Ende gegangen war. Ich musste auf das Kind aufpassen, musste dafür sorgen, dass es überlebte. Dass es in Frieden heranwachsen konnte und als erwachsene Frau keine Söhne in die Welt setzte, die Wehrlose mit Waffen terrorisierten.
Zum Anbeißen sah es aus, in seinem grünen Strampler mit dem lachenden Frosch darauf. Der hatte einen feuchten Blutfleck unter dem rechten Auge, aber er lachte trotzdem. Das Baby schlief indessen, ließ dabei nur dann und wann ein wohliges Grunzen hören oder gab schmatzende Laute von sich, während es wohl von seiner letzten Mahlzeit träumte. Trotz unserer beängstigenden Lage musste ich schmunzeln. So ein Winzling und schon so verfressen! Doch andererseits war das der Punkt, der mir am meisten Sorge bereitete. Hunger tut weh, und kleine Menschen, die noch nicht sprechen können, artikulieren ihren Wunsch nach Nahrung, indem sie schreien. Auch, wenn sie damit eine ganze Armee aufscheuchen. Und sich selbst und ihre Beschützer auf direktem Wege ins Grab bringen.

Als hätte er meine Gedanken erraten, öffnete der Säugling die Augen und sah sich suchend um. Doch wie sollte er finden, was er vermisste? Das Gesicht seiner Mama? Deren offenes Kleid mit dem leckeren Busen darin? Sein Blick verfinsterte sich und ließ mich das Schlimmste, das Allerschlimmste, befürchten.
Einer möglicherweise göttlichen Eingebung folgend, zog ich mir mein T- Shirt über den Kopf und legte die Kleine auf meinen nackten Bauch. Auf diesem Terrain schien sie sich auszukennen, denn ohne zu zögern stülpte sie ihr Schnäuzchen über meine Brustwarze und begann zu saugen.
Es kitzelte, aber die Hauptsache war, dass der Betrug nicht aufflog. Jedenfalls vorerst nicht, denn meinem Schützling fielen die Lider augenblicklich wieder zu. Allerdings musste ich ihn mindestens bis zum Einbruch der Dunkelheit ruhig halten, denn vorher wäre es viel zu gefährlich gewesen, unseren Unterschlupf zu verlassen.

Vorsichtig zog ich das Kind ganz aus, ohne es von meiner Brust zu lösen. Es war schließlich ein warmer Maitag, und ich hoffte, dass der Kontakt unserer Haut eine beruhigende Wirkung auf das Baby haben würde – wie auch mein sich allmählich normalisierender Herzschlag. Dabei wischte ich ihm zugleich seinen vollgekackten Po sauber und deckte uns dann beide mit meiner Jacke zu.
Nicht nur der Zwerg brauchte dringend seine Erholung, auch mich selbst stieß die abgrundtiefe Erschöpfung in einen unruhigen Schlaf. Als ich die Augen wieder öffnete, war es dunkel und still wie auf einem Friedhof. Nur vom Dorf her flackerte ein unregelmäßiger roter Schein zu uns herüber. Ich setzte mich auf und nahm das Mädchen behutsam hoch. Es sträubte sich und krallte seine Fingerchen hartnäckig in meine Brusthaare.
Nur mit gutem Zureden und viel Streicheln gelang es mir, die Kleine von der Notwendigkeit unseres Aufbruchs zu überzeugen. Ich zog ihr das Froschkostüm wieder an, denn etwas Anderes hatte ich nicht und das Blut war inzwischen getrocknet. Dann schlüpfte ich in mein T-Shirt und meine Jacke und marschierte mit ihr los.

Vielleicht … vielleicht der Sonne entgegen.

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