Bis es blitzt

Bis es blitzt

von Donato Schlotter

Manche Sommer hinterlassen Schatten einer Unbeschwertheit, nach der wir in unserem Erwachsenenleben vergeblich suchen und die uns mit Wehmut erfüllen. Von anderen bleibt uns nichts. Nichts außer der Erkenntnis, dass, egal was passiert, am Ende die Sonne wieder scheint.

Dies war der längste und heißeste Sommer, an den ich mich erinnern kann. Er hielt die Stadt bereits seit Wochen im Würgegriff, und das Leben war fast zum Stillstand gekommen, ganz so, als ob die Welt auf etwas warten würde, bevor sie sich endlich weiterdrehte. Ich fuhr trotz des für heute Nachmittag vorhergesagten Gewitters zum See, obwohl ich den See nicht mochte. Man konnte seinen Grund nicht sehen, und erst vor drei Wochen war wieder jemand in ihm ersoffen.
Am Horizont türmten sich bereits die ersten Wolken auf. Ich wartete bereits seit über einer Stunde, als ein erster leichter Wind aufkam, der, anstatt zu kühlen, sich wie eine noch heißere Decke über den See legte und mir den Schweiß aus den Poren kochte. Wir hatten uns im Freibad kennengelernt. Wobei kennengelernt fast schon zu viel gesagt war. Wir waren uns dort begegnet. Das traf es besser. Zwei von fünftausend Menschen, die einmal zufällig am gleichen Ort waren, über dieselbe Sache gelacht hatten und sich dabei irgendwie sympathisch fanden. Wir begegneten uns dort noch einige Male und tobten herum, bevor wir uns, nachdem wir gestern vom Bademeister rausgeschmissen wurden, für heute verabredet hatten, denn ins Bad durften wir diese Woche nicht mehr.

Er war spät dran, aber er kam. Immerhin hatte ich genug Zeit, mir einen Plan zurechtzulegen, nicht ins Wasser zu müssen. Manfred warf seine Tasche neben mich.
„Meine Eltern wollten mich wegen dem Gewitter fast nicht mehr gehen lassen. Ich musste versprechen, dass ich nicht schwimmen gehe und wieder zuhause bin bevor es anfängt.“
„Klappt eh nicht, komm!“
Während sich langsam ein milchiger Schleier vor die Sonne schob, zerrte er das an seinem schlanken Körper klebende, schweißgetränkte T-Shirt über den Kopf und entledigte sich seiner Hose.
„Was guckst du? Nicht schwimmen dürfen, bedeutet, keine Badehose mitnehmen. Also Nacktbaden!“

Er rannte johlend in den See, taucht prustend wieder auf und verkündete, das Wasser wäre so warm, als würde man in Pisse schwimmen.
„Also kommst du endlich rein? Wir haben nicht mehr lange. Lass uns kämpfen. Razor Ramon gegen Hulk Hogan. Wie gestern im Bad. Wenn es blitzt, gehen wir raus. Oder hast du Schiss?“
Manfred war jetzt der einzige im Wasser, was ihn aber nicht weiter zu stören schien. Alle anderen hatten bereits vor dem Gewitter die Flucht ergriffen. Wahrscheinlich wäre es klüger auch abzuhauen, bevor es wirklich ungemütlich wurde. Manfred würde ich bestimmt mal wieder zufällig im Freibad sehen. Aus den sich immer höher auftürmenden Gewitterwolken rollte ein weiteres dumpfes Grollen durch die, dicke, schwüle und aufgeladene Luft.
Scheiß drauf. Augen zu und rein.
Ich wollte gerade aufstehen, als Manfred mir zurief: „Komm endlich rein! Ohne Hose, du Feigling.“
Weder hatte ich Schiss, noch war ich feige. Wenn er bei einem Gewitter nackt in einen trüben Tümpel ging, konnte ich das auch. Wovor sollte ich auch Schiss haben? Ich zog meine Badehose aus. Nur kurz rein und gleich wieder raus. Einfach im flachen bleiben, man weiß ja nie, was unter der Oberfläche so lauert.
„Okay, bis es blitzt!“
Immer schneller heranfliegende Wolken verbargen die Sonne, und die ganze Welt erschien in einem seltsamen Zwielicht. Hoffentlich blitzt es gleich, dachte ich, und, als ich bereits fast bis zu meinen Kronjuwelen im Wasser stand und nach Manfred Ausschau hielt, packte mich etwas von hinten und riss mich von den Beinen.
Ich tauchte prustend wieder auf, und Manfred warf sich auf meine Schultern und drücket mich wieder unter Wasser. Ich bekam ihn zu fassen und umklammerte ihn, so kräftig ich konnte, mit einem Bearhug.
Bitte gib auf, damit wir wieder raus können. Und zwar schnell, dachte ich dabei.
Ich spürte sein Ding an meinem Bauch, und wir würden bestimmt noch vom Blitz erschlagen. Ich wusste nicht, was schlimmer war. Manfred wehrte sich, zappelte, bis er schließlich aus meinen Armen glitschte und wieder im trüben Wasser verschwand. Ich tauchte hinter ihm her, bekam seinen Fuß zu fassen und zog ihn nach oben. Er befreite sich, tauchte blitzschnell ab, zog mir die Beine weg und nahm mich in eine Kopfschere.
Ich schaffte es meine Füße auf den Boden zu stemmen, mich aufzurichten und ihn über mich zu werfen, woraufhin er weiter auf den See hinausschwamm.
„Mal sehen, ob du hier auch eine Chance hast.
Während wir einander durch das Wasser jagten und versuchten, den anderen zu fassen zu bekommen, zuckte ein Blitz quer über den anthrazitfarbenen Himmel, und, noch bevor ich etwas sagen konnte, umklammerte Manfred mich und drückte mich unter Wasser. Ich strampelte und versuchte, oben zu bleiben.

Ich war mir sicher, dass er bestimmt gleich wieder loslassen würde. Er musste den Blitz doch auch gesehen haben.
Wir müssen aus dem Wasser.
Ich legte meine Arme um ihn und drückte, so fest ich konnte zu, woraufhin er seine Beine fest um meinen Körper schlang und seine Muskeln anspannte. Ich hörte auf zu strampeln und ließ mich, in der Hoffnung das, ihm zuerst die Luft ausgehen würde, sinken. Doch er hielt mich fest wie eine Anakonda ihre Beute. Unter Wasser wurde es, bis auf die unglaubliche Wärme, die sein aufgeheizter Körper, der sich eng an meinen presste, verströmte, immer kälter und dunkler und stiller, je tiefer wir sanken.
Als ein Blitz kurz das trübe Wasser erhellte, kniff ich meine Augen zu. Am Grund des Sees versanken meine Beine, ohne jeden Widerstand, im schlammigen Boden, bis ich bis über beide Knie, darin feststeckte und mein Kopf mir unmissverständlich signalisierte, dass ich endgültig gefangen war. Der Sauerstoff wurde bereits so knapp, dass ich, ungeachtet dessen, dass wir uns bestimmt vier Meter tief unter Wasser befanden, den Reflex einzuatmen kaum noch unterdrücken konnte. Ich riss meine Augen auf und blickte in ein verschwommenes Grinsen, dessen Träger nicht im Geringsten das Bedürfnis zu verspüren schien, auftauchen zu müssen oder gar zu wollen.

Verzweifelt versuchte ich erneut mich zu befreien, doch je mehr ich mich bewegte umso enger wurde sein Griff. Manfred presste seine Lippen auf meinen Mund und blies Luft aus, die ich instinktiv, ja, reflexartig und begierig, einsaugte. Mein Körper jubelte.
Manfred zog die Umklammerung noch fester, um sie wieder aus meinen Lungen zu drücken, sie wieder herauszusaugen, nur um sie mir wieder in die Lungen pressen. Er ließ von mir ab, und, obwohl ich versuchte, ihn festzuhalten, schwamm er mit kräftigen Zügen zur Oberfläche, wo das Unwetter tobte. Ich blieb allein in der Tiefe zurück. Panisch versuchte ich, meine Beine aus dem Schlick zu befreien, und, würde Wasser Schallwellen leiten, wettete ich, hätte es bestimmt laut geschmatzt, als es mir endlich gelang, sie mit einem Ruck aus dem kalten Morast zu ziehen.
Ich musste innerlich lachen, während ich mich, strampelnd und mich mit Tränen in den Augen gegen meinen Atemreflex kämpfend, mit kräftigen Zügen nach oben riss.
„Das war Hammer, oder?“, lachte Manfred, als ich nach Luft ringend auftauchte.

Über uns grollte der Donner, aus schwarzlila Wolken, unter denen der Wind zerrissene, dunkelgraue Fetzen hertrieb. Die Luft war geschwängert vom satten Duft des heraufziehenden Regens. Eine Böe wirbelte staubige Erde in meine Augen und brachte sie noch mehr zum Tränen.
„Spinnst du, was sollte das?“, japste ich atemlos.
„Hätte ich noch mehr Luft gehabt, ich hätte dich nicht losgelassen. Das war der Hammer, oder? Bist du sauer?“ „
Du bist krank? Hast du den Blitz nicht gesehen?“
Ich paddelte mit letzter Kraft zum Ufer und blieb völlig erschöpft im Wasser liegen. Manfred glitt, geschmeidig wie ein Alligator heran, legte seinen Arm um mich und fragte, mit einem Zwinkern, ob wir nicht besser ganz rausgehen sollten, das Gewitter wäre immerhin genau über uns.
Wütend stieß ich seinen Arm weg und ging aus dem Wasser. Das würde ich ihm heimzahlen. Er hätte mich fast umgebracht. Was hatte mich geritten, mich mit ihm zu verabreden? Als er sich zu mir setzte und mit seiner Unschuldsmiene ansah, hätte ich ihn am liebsten gewürgt.
„Verpiss dich einfach!“
„Verpiss du dich doch“, grinste er herausfordernd.

Ich ignorierte ihn. Um uns herum schlugen die ersten, dicken Regentropfen ein, und, dort wo sie auftrafen, stiegen kleine Atompilze aus der trockenen, staubigen Erde empor. Wenige Augenblicke später regnete es in Strömen und die vertrocknete Erde konnte das Wasser, nachdem sie sich so lange gesehnt haben musste, gar nicht so schnell aufnehmen, wie es vom Himmel fiel. Manfred breitete wortlos sein Handtuch über uns aus, als plötzlich Hagelkörner wie ein Bombenregen auf uns herunter prasselten.
Mir wurde kalt, und ich fing an zu zittern. Der vom Sturm getriebene Regen füllte die immer noch aufgeladene Gewitterluft wie ein statisches Rauschen. Begleitet von einem ohrenbetäubenden, blechernen Krachen, das mich, im Gegensatz zu ihm, zusammenzucken ließ, schlug am anderen Ufer ein gleißender Blitz in einen Baum.
Manfred legte seinen Kopf an meine kalte Schulter, und wir saßen einfach stumm da.
„Wow, das war knapp“, murmelte er, als kurz darauf ein weiterer Blitz mitten in den See schlug.
Er ließ das durchnässte Handtuch langsam auf unsere Schultern sinken. Obwohl er ebenfalls zitterte und ich seine Gänsehaut deutlich spüren konnte, verströmte seine Wange immer noch diese unglaubliche innere Wärme. Der Regen ließ nach, und die schwarzen Wolken zogen langsam weiter. Die Sonne brach endlich wieder durch die Wolken. Manfred zog sich an und fragte, ob ich Lust hätte, mich morgen wieder mit ihm zu treffen. Ich nickte stumm. Er stieg auf sein Fahrrad und machte sich auf den Weg. Nur einen kurzen Augenblick später, die Sonne brannte wieder so heiß, als hätte es nie ein Unwetter gegeben, fuhr ich ebenfalls nach Hause.

Konnte nicht bereits morgen sein? Morgen würde mir bestimmt eine Ausrede einfallen.

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