Unwetterwarnung

Unwetterwarnung

von Daniela Esch

Es war ein verregneter Tag im Herbst, als Hannes Mattenklott nicht länger nach den Plattitüden seiner Romanheftchen zumute war. Er drückte die Tastenkombination Strg A und entfernte den kompletten Text des aktuellen Manuskripts.
Die heile Bergwelt seiner beliebten Hauptfigur Dr. Mariella Albrecht ging ihm gewaltig auf den Sack.
Scheiße, das letzte Bier war leer. Gereizt durchwühlte er die Schubladen seiner null-acht-fünfzehn-Einbauküche. Jetzt musste der trockene Rote dran glauben, den Maries Eltern vor zwei Jahren vom Château Pontac-Lynch mitgebracht hatten.

„Der Margaux besticht mit einem pikanten Duft von schwarzen Früchten, Erde und würziger Eiche“, hatten sie damals geschwärmt, diese Lackaffen. Die Erinnerung versetzte ihm einen Stich in der Magengegend. Die Schläfen massierend, sah er zum Schnapsregal und liebäugelte kurz mit Opa Wilhelms Kräuterlikör.
„Jetzt denk nach, Hannes, wann hast du den verflixten Korkenzieher zuletzt benutzt?“
Es schien vor einer Ewigkeit gewesen zu sein, schließlich war Marie die Weinliebhaberin von ihnen gewesen. Für ihn hatte dieses minutenlange Gläserschwenken und Getue rund um Aromen, Reifegrade und die perfekte Temperatur immer etwas Pseudo-intellektuelles an sich. Hannes mochte es simpel, bevorzugte Flüssighopfen frisch aus dem Kühlschrank und mit praktischem Bügelverschluss.
Endlich wurde er fündig. Der Korkenzieher lag zwischen Dosenöffner und Knoblauchpresse, als könnte ihn kein Wässerchen trüben.
Gekonnt ließ Hannes sich mit dem Glas in der Hand aufs Sofa plumpsen, ohne den Wein zu verschütten. In einem Zug kippte er den Margaux runter und schenkte sich sofort nach. Im Radio warnten sie vor Unwettern. Tief ‚Marie‘ war im Anmarsch.
Ausgerechnet. Marie.
Die er nicht glücklich machen konnte, weil sie von einer heilen Vorstadtfamilie träumte, die er ihr höchstens in seinen Romanheftchen geben konnte. Er wollte partout keine Kinder. Wozu auch?
Erst diesen Morgen war er beim Urologen gewesen, nur um zum x-ten Mal denselben Quatsch zu hören: „Tut mir Leid, Herr Mattenklott, aber eine Vasektomie in Ihrem Alter kann ich nicht verantworten.“
Als wenn Hannes mit Dreißig nicht genau wüsste, worauf er sich da einließe! Er würde nie ein guter Vater sein, schließlich trug er die Gene seines eigenen in sich.

„Auf den Herrn Doktor!“
Hannes prostete in die Luft und nahm einen großen Schluck. Verdammt, wie war der Margaux so schnell leer geworden? Dann halt Whiskey. Während er die Eiswürfel aus ihrer Form quetschte, klingelte sein Telefon.
Marie.
Seit Mitte August ignorierte er ihre Anrufe, Briefe und Emails. Er hatte entschieden, dass eine Trennung der einzige Ausweg aus ihrem Dilemma war. Statt mit ihr Schluss zu machen, hatte den Weg des geringsten Widerstands gewählt und war einfach abgetaucht. Ab und zu war Marie vor seiner Wohnung aufgetaucht, hatte verzweifelt gegen die Tür gehämmert. Doch Hannes war emotional steril geblieben, hatte ausgehaart bis die Nachbarn sich beschwerten und Marie sich resigniert zurückzog.

Der Anrufbeantworter piepte. Marie klang aufgebracht, verlangte nach einer Erklärung: „Bitte sag mir, was los ist, damit ich dich verstehen und mit uns abschließen kann“, sagte sie seufzend und legte auf.
Abschließen…
Hannes brauchte eine Zigarette.
„Da braut sich ordentlich was zusammen“, dachte er, auf dem Balkon in den Himmel starrend. Irgendwann musste er wohl oder übel mit Marie reden, das war ihm klar. Was er ihr sagen würde, war alles andere als klar. Eher eine asphaltgraue Gewitterwolke, die über seinem Kopf hing und ihm ins Hirn waberte.
Als er die Kippe in der Erde der vertrockneten Osterkaktee ausdrückte, die Marie im April liebevoll gepflanzt und gehegt hatte, flackerte ein Blitz über die Häuserdächer. Hannes zuckte zusammen. Seit Kindestagen fürchtete er sich vor Gewittern. Seinem Vater waren sie immer sehr zu pass gekommen, schließlich blieben die Hilferufe seiner Frau in dem Getöse verborgen, wenn er sich wieder mal im Suff an ihr verging.

Hannes schloss alle Fenster, ließ die sperrigen Rollos runter und exte noch einen doppelten Whiskey. Der Wind rüttelte an den Fensterläden. Hannes konnte das Gewitter nicht fernhalten, da nutzten auch die Rollläden nichts.
Marie wollte einen Schlussstrich, bitte, den sollte sie haben. Seufzend wählte er ihre Nummer.
Marie grüßte ihn überrascht: „Wie schön, dass du zurückrufst.“

Stumm saß Hannes im abgedunkelten Wohnzimmer auf dem Fußboden, die Whiskeyflasche fest im Griff. Gleichwohl der Klang ihrer Stimme in ihm das altbekannte Gefühl von Vertrautheit wieder erweckte – oder vielleicht genau deswegen – wünschte er sich, Marie würde die Klappe halten. Stattdessen fragte sie: „Und, was machst du so?“
Damit hatte ihre Beziehung endgültig den Gipfel der Banalität erreicht.
„Das Übliche“, antwortete er gequält.
„Philosophische Gespräche mit Jim und Johnny also?“
Beide schwiegen, als hätten sie dies vorher so verabredet. Nur das Prasseln von Regen und ein entfernter Donner waren zu hören. Natürlich hatte Marie Recht, und er diskutierte bevorzugt mit Jim Beam oder Johnny Walker über sein verkapptes Autorendasein. Die hackten wenigstens nicht auf ihm herum, weil er statt Spiegel-Bestsellern nur Schundromane schrieb. Sie hörten ihm geduldig zu, verstanden, dass er kein Versager war, sondern seine Ansprüche runtergeschraubt hatte, weil das Literaturbusiness hart war.

„Hannes, bist du noch da?“, wisperte sie.
„Physisch, ja“.
„Lass den Scheiß. Geht’s dir gut?“
„Mir geht’s prächtig“, stieß er hervor.
„Du klingst nicht so, als würdest du vor Lebensfreude sprühen.“
Stimmt, er war kurz davor, in Selbstmitleid zu versinken, jetzt, wo Marie bereit war, die Trennung zu akzeptieren. Er fühlte sich noch leerer und überflüssiger, als gewöhnlich. Draußen krachte laut ein Donner.
Nein, Hannes würde sich nicht weiter nostalgisch-theatralisch in sein Loch fallen lassen. Auch wenn er ein sentimentaler Pessimist mit Hang zu depressiven Stimmungen war, nun war es an der Zeit, Tacheles zu reden und ihre Beziehung ein für alle Mal zu beenden. Ganz wie Marie es gewünscht hatte.

„Willst du immer noch eine Erklärung?“
„Ja.“
Plötzlich klang Marie ängstlich.
„Erinnerst du dich an deinen Geburtstag?“
„Wie könnte ich den vergessen. Wir haben den Tag am Fluss verbracht, die Füße ins Wasser gehalten und eiskaltes Bier in uns reingeschüttet.“
Sie zögerte.
„Als es dunkel wurde, waren wir allein am Ufer und haben uns dort geliebt.“
Typisch, Marie. Sie konnte nicht einfach ja oder nein sagen. Eine Eigenschaft, die man liebte oder hasste. Hannes ertrug es nicht länger, ihre Stimme zu hören, ertrug seine Heuchelei nicht mehr.
„Der Punkt ist, wir hatten nicht verhütet. Die Zeit bis zu deiner nächsten Periode war für mich die Hölle. Vor allem, weil ich gemerkt habe, wie der Gedanke an eine gemeinsame Familie dir immer besser gefiel und wie enttäuscht du schließlich warst.“
Marie schwieg.
„Ich möchte keine Kinder mit dir. Weder jetzt, noch irgendwann.“
Er war erleichtert, auch wenn er wusste, dass er jetzt erst richtig anfangen würde, sie zu vermissen.
Marie schnaubte.
„Weißt du was? Es braucht nicht immer körperliche Gewalt, um jemanden zu verletzten. Du denkst vielleicht, vor deinen Problemen einfach wegzulaufen, unterscheidet dich von deinem Vater, aber im Grunde ist dein Verhalten genauso beschissen wie seines.“
Sie legte auf.
Das darauffolgende Tuten dröhnte überlaut in Hannes Ohr und hallte dort nach. Er zog die Rollos hoch, riss alle Fenster auf und ging mit Zigaretten, der fast leeren Whiskeyflasche und Opa Wilhelms Kräuterlikör bewaffnet hinaus auf den Balkon. Dort konkurrierten Maries Stimme und die Hilferufe seiner Mutter, die nicht aus seinem Kopf verschwinden wollten, mit dem Grollen des Donners, das sich langsam entfernte.

Dass Marie ihn mit seinem Vater verglichen hatte, war wie ein Schlag ins Gesicht. Sie hatte ihm immer das Gefühl gegeben, anders als er zu sein, zeitweise war er sogar selbst davon überzeugt gewesen und hatte sich bei der Vorstellung ertappt, mit ihr eine Familie zu gründen. Doch nach ihrem Geburtstag wurden seine Ängste, als Vater zu versagen, wieder größer, und mit ihnen nahm sein Alkoholkonsum zu.
Mit dem letzten Schluck Whiskey, den er inzwischen direkt aus der Flasche trank, verstummten die Stimmen in seinem Kopf. Zum ersten Mal seit langem hatte Hannes das Gefühl, klar denken zu können. Er erkannte, dass Marie wieder einmal Recht hatte: Er war zu genau dem egoistischen Arschloch geworden, das er nie hatte sein wollen.

„Sorry, Opa“, murmelte er und schüttete den kompletten Kräuterlikör in die Kästen der Sommerkakteen. Er hatte definitiv genug getrunken. Vielleicht für immer. Polternd verließ er das Haus und torkelte durch den schwächer werdenden Regen in Richtung Maries Wohnung.
Ob sie ihm sein Verhalten verzeihen würde?

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