Unterwasserzoo

von Petra Behlert

„Gehst du wieder schwimmen?“, fragt mein Mann.
„Jepp“, nuschele ich als Antwort.
Mein Lieblingsbuch zwischen den Zähnen, ein Glas Sekt in der Hand schlurfe ich zum Badezimmer. Mein wöchentliches Sonntagsschaumgenießerbadritual.
„Hast du den Stöpsel repariert?“, rufe ich aus dem Bad.
„Bade nicht! Bin weg! Küsschen! –“ und die Tür fällt ins Schloss.

Ich gieße einen dicken Schluck Schaumbad ins Wasser. Granatapfelduft wabert durch das Badezimmer.
‚Mmh! Lecker Düftchen.‘
Mit meinem großen Zeh versuche ich den Stöpsel nach unten zu drücken, damit das Wasser in der Wanne bleibt. Da passiert es. Erst der große Zeh, dann der restliche Körper gluckert durch den Abfluss ins Dunkle. Rutsche fix durch die glitschige Röhre und platsche in ein kaltes Wasser.
„Schnell, schwimm hinter den grünen Stein. Die sperren dich sonst auch noch weg.“
Ich versuche den Sprecher zu erkennen, aber überall breitet sich schwarze Tinte aus.
„Sorry, bei Stress reagiere ich so“, flüstert der Oktopus mir zu, „ich bin Oskar und pass auf, das sies dich nicht als Mensch entlarven.“
„Wie das? Ich habe doch einen Meerjungfrauenschwanz!“
„Wow, wo kommt der denn her?“
Eine laute Schiffshupe ertönt.
„Schnell wir müssen zu den anderen!“
„Ich heiße Lia“, rufe ich Oskar zu, „und was bei …“
Ich muss mich beeilen, ihn nicht zu verlieren.
„Das ist Lia. Sie wird uns helfen.“
Die Anderen nicken. Svenja, das Seepferdchen, Cleo, der Clownfisch, Santo, der Seestern.
„Wobei helfen?“
Neugierig schaue ich in die Runde.
„Komm, wir zeigen es dir!“
Wir schwimmen eine ganze Weile und dann sehe ich zwanzig gläserne Kästen, die aufgereiht wie Perlen auf einer Schnur nebeneinanderstehen.
„Sein Menschenzoo.“
Svenja zeigt auf die gläsernen Kästen.
„Alle Arten vorhanden, große, kleine, dicke, dünne, junge, alte und sogar farbige Menschen.“
„Du musst uns helfen, sie zu befreien. Harro Hai und seine fiesen Kumpels haben sie gefangen, und sie wollen in drei Wochen ein großes Schlachtfest abhalten.“
„Warum habt ihr sie nicht längst befreit?“, frage ich.
„Sehr witzig! Siehst du jemanden, der Hände hat und groß genug ist?“
„Harro kommt!“
Oskar schreit panisch.
„Hallo, Liebelein, wen haben wir denn da?“
Harro Hai bläst mir seinen fauligen Atem ins Gesicht.
„Meine Cousine dritten Grades“, erklärt Santo Seestern hastig.
„Wusste gar nicht, dass du Verwandtschaft hast.“
Harros Haifreunde gaffen mich an.
„Schnell, reibe deinen Stöpsel“, flüstert Oskar mir ins Ohr.
„Wo, was?“, stammele ich.
„Da, um deinem Hals!“
Ich reibe kräftig und sitze wieder in meiner Badewanne.

Nach diesem Erlebnis gehe ich jeden Tag baden. Absolut nichts passiert. Dann kommt der Sonntag. Mit Sektchen und Buch gehe ich zum Sonntagsschaumgenießerbadritual. Mit meinem Zeh drücke ich den Stöpsel runter, und ich flutsche erneut durch das Abflussrohr.
„Wo warst du denn so lange?“, blafft mich Oskar an.
„Ich freue mich auch, dich zu sehen.“
Ich ziehe eine Schnute.
„Heute befreist du alle. Sammle große Steine, damit du die Schlösser aufbrechen kannst. Beeilen wir uns, es wird gleich dunkel.“
Es dauert ewig, bis das erste Schloss sich öffnet, aber dann fluppt es.
„Achtung, Harro Hai ist im Anmarsch! Alle wieder in die Kästen!“
„Na, sieh mal an, das Cousinchen ist wieder aufgetaucht?“
Der Hai umkreist mich.
„Habe fast den Eindruck, ihr plant was.“
Das Mondlicht scheint auf meine Flosse und der erste Zeh erscheint. Oh nein! Das Mondlicht enttarnt mich also?
„Jetzt!“, befiehlt Oskar und stößt literweise schwarze Tinte aus.
Die Türen werden aufgestoßen, und wir schwimmen hastig durchs Wasser.
„Fasst euch bei den Händen und, Lia, reibe den Stöpsel!“
Oskar winkt uns mit den Tentakeln zu.
„Ah, gleich hab ich das Cousinchen!“, höre ich Harro noch irgendwo hinter mir.
Oh Gott, bitte nicht alle zwanzig Menschen in meine Badewanne, denke ich überfordert und reibe den Stöpsel.
Es gurgelt laut und zwanzig nackte Menschen sitzen in meiner Wanne. Peinliche Stille breitet sich aus. Jeder versucht seine Nacktheit so gut es geht zu bedecken. Eine kleine Frau hüpft als Erste aus der Wanne und flüchtet durch das Treppenhaus ins Freie. Die Anderen folgen ihr und ich bleibe verdutzt im Bad.
„Die Nackedeis werden sicher meinen Nachbarn freuen“, murmele ich.

Der Sonntag kommt, und es ist wieder Zeit fürs Sonntagsschaumgenießerbadritual. Voller Erwartungen gehe ins Bad und lasse Wasser ein. Da höre ich ein leises Stimmchen:“Cousinchen, ich habe dich zum Fressen gern!“
Harro? Warum flutsche ich nicht durchs Abflussrohr?
Ich fummele mit dem dicken Zeh am Stöpsel, und da sehe ich es.
Ah, mein Mann hat den Stöpsel erneuert.

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