Ponysonntag

von Annika Weiß

Noch schlaftrunken erhebe ich mich aus dem Bett und gehe zur Toilette. Ich verlasse das Schlafzimmer, gehe durch die Küche und lande schließlich im Bad. Das Badezimmerfenster ist auf den Pferdestall ausgerichtet. Ich blicke nach draußen, doch etwas ist nicht richtig. „Nicht schon wieder!“, denke ich. Mittlerweile unbeeindruckt wecke ich meinen Lebenspartner. „Phillip!“, sage ich und rüttle an seiner Schulter. Er macht die Augen langsam auf und sitzt sofort aufrecht im Bett. Er sieht erschrocken aus, er scheint zu ahnen, was passiert ist. „Was ist?“ fragt er beängstigt. Ich, mich wundernd, warum er so aus dem Häuschen ist, erwidere: „Das Pony ist schon wieder abgehauen!“ Phillip verdreht nur die Augen. Wir ziehen uns an und danach ab auf die Fahrräder. Unser Pony wohnt seit zwei Jahren bei uns. Ein treuer Begleiter … manchmal. Mit seinen kleinen Knopfaugen und seinem braunen Teddyfell hat er uns sofort um den Finger gewickelt. Niedlich und wunderschön zugleich. Er hat kein einziges weißes Zeichen, er ist etwas Besonderes. Wie ein Engel. Doch der Schein trügt! Er könnte Satan heißen, wenn er nicht so putzig wäre. Lange Zeit haben wir nach einer schönen, großen Wiese für Bacardi, alias ”Satan”, gesucht. Als wir endlich eine fanden, war das Glück perfekt. Dachten wir. Mir war bewusst, dass er so dann und wann schon einmal ausgebrochen war. Doch ich wusste nicht, dass ich El Chapo bei mir aufgenommen hatte. Der kleine Gauner kann von Pferdeweiden verschwinden. Einfach so und ohne jede Vorwarnung. Er wird regelrecht von Wiese zu Wiese teleportiert und manchmal sogar noch weiter.Bis wir einmal, El Chapo fühlte sich gerade unbeobachtet, zufällig sahen, wie er auf seinem dicken Ponybauch unter dem Zaun durchkroch. Ich konnte es nicht glauben! Er war ein wahrer Meister im Limbo! Und auch diesen Sonntag hat er es wieder geschafft, die Stalltür zu öffnen und im freudigen Galopp die Nachbarschaft zu erkunden. Jaha! Richtig gelesen. El Chapo kann natürlich auch sämtliche Klinken, Riegel und Stangen bedienen. Da wartet er nicht mal, bis man den Raum verlassen hat. Phillip und ich schnappen uns die Räder und fahren los. Wir fahren durch die Bauernschaft, in der wir wohnen. An jedem Hof vorbei, und bei jedem Maisfeld sind wir äußerst wachsam. Langsam streichen die grünen Wiesen und die duftenden, gelben Rapsfelder an uns vorbei. Doch nirgends ist Bacardi alias Satan alias El Chapo zu sehen. Bis uns schließlich einfällt, dass er zu der Wiese, auf der er tagsüber immer steht, gelaufen sein könnte. Röchelnd, mit knallrotem Kopf und nassgeschwitzt kommen wir auf der Wiese an. Und da steht er, als wäre nichts gewesen. „Wie ist er denn da reingekommen?“ Phillip kratzt sich fragend am Kopf. Es gibt nur eine Möglichkeit: er hat den üblichen Weg genommen und ist einfach unter dem Zaun hindurchgekrochen. Unser Pony ist folglich also nicht nur ein Ausbrecher, sondern auch ein Einbrecher. Er konnte es wohl nicht abwarten, seine Pferdekumpels zu treffen. Als ich ihn rufe, hebt er den Kopf an und stößt ein spitzes Wiehern aus. Frei nach dem Motto: „Wo habt ihr nur gesteckt? Das Gras ist super saftig heute!“ Wir lassen ihn erst mal dort stehen, damit wir die Sicherheitslücken in Alcatraz beheben können. Am Montag bei der Arbeit begrüße ich meine Arbeitskollegen. Eine der Damen fragt mich, ob ich am Sonntag noch etwas Besonderes unternommen habe.Ich antworte mit: „Och … nö, wir haben bloß eine Fahrradtour gemacht … wie jeden Sonntag …“

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