Alltags-Poesie

Alltags-Poesie

Gedicht von Lisa-Manuela Otto

Ich lasse manchmal außer Acht,
dass der Lyrik große Macht,
wenn auch ihr Zauber mich betört,
die meisten Anderen verstört.

Dies stell ich oft, meist trauernd, fest.
Ob uns die Dichtkunst bald verlässt?
Ich sähe sie gern neu geboren.
Doch folgt ein Beispiel tauber Ohren:

Es trug sich zu, dass ich, voll Wonne,
als Regen wurd’ aus heißer Sonne,
hinaus trat, folgend meinem Denken:
„Wohl an, geh die Forsythien tränken.“

Das holde grün in blauer Kiste,
damit es nun sein Dasein friste,
nicht mehr im Trocknen, wie bisher,
sondern im prasselnd Regenmeer.

Und während ich sie an den den Griffen,
begleitet von verzückten Pfiffen,
zur Mitte meines Hofes trage,
packt mich die Poesie. Ich sage:

„Oh, Pflänzlein, meine lieben, seht,
wie lustig sich der Wind gedreht,
wie fröhlich euch das Wolkenwasser,
satt werden lässt, gestärkt und nasser.

Nährt euch an des Himmels Saft,
auf dass er Leben schenkt und Kraft.
Ihr gedeiht, mein Herze singt.
Trinkt nun, meine Freunde! Trinkt!“

Und als ich dieses, scheinbar laut,
ja mehr als ich mich je getraut,
hinaus getragen in die Welt,
hör ich, wie’s von der Straße gellt.

Ein Mann, obwohl, vielmehr ein Knabe,
sieht zu, wie ich die Blumen labe.
Er hat gehört ein jedes Wort.
Stumm und verächtlich steht er dort.

Er mustert mich mit kalter Mine,
bezüglich meiner Reimroutine.
Dann fragt er, kurz drauf ist er weg:
„Boah, was laberst du für’n Dreck?“

Gebückt, beschämt, peinlich berührt,
da ich’s als Kunst, nicht Dreck verspürt,
Lass ich ins Haus zum Stift mich treiben,
um voller Wehmut dies zu schreiben:

Ich lasse manchmal außer Acht,
dass der Lyrik große Macht,
wenn auch ihr Zauber mich betört,
die meisten Anderen verstört.

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